Meine Gedanken

 

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Es ist sehr schwer die Gedanken und Gefühle die man hat in Worte zu fassen, aber ich werde es so gut es geht versuchen.

Da mein Bruder an Kindstod gestorben ist, hatte ich immer Angst, dass meinen Kindern das gleiche passieren könnte. Wir besorgten uns daher ein Atemüberwachungsgerät, ohne den ich damals aus dem Krankenhaus nicht nach Hause gegangen wäre.

Wenn ich Berichte über kranke und sterbende Kinder gesehen oder gehört habe, war ich zwar sehr betroffen und machte mir auch meine Gedanken, aber es betraf nicht meine Familie oder jemanden den ich kenne und deshalb vergaß ich es auch bald wieder.

Mein Gedanke war immer, dass meiner Familie sowieso nichts passieren kann, solche Sachen betreffen immer nur die anderen.

Nachdem Marias Knochenschmerzen ärger wurden, dachte ich gleich an „Knochenkrebs“, doch als mir der Kinderarzt sagte, dass es „nur“ eine Entzündung ist, war der Krebs auch schon wieder aus meinen Gedanken verschwunden.

Als dann der Verdacht auf Leukämie bestand, dachte ich mir, dass das nicht möglich sein kann, da in unserer Familie keiner Krebs hat, wieso sollte ausgerechnet Maria Leukämie haben, der Arzt hat sich sicher getäuscht. Doch beim Namen  St.Anna bekam ich dann Angst, ich wusste nicht, dass das St.Anna ein normales Kinderspital ist, ich glaubte immer, dass nur Kinder mit Krebs dorthin kommen und die meisten dort sterben. Ich hatte mich mit diesem Thema bis dahin nie auseinandergesetzt und für mich war Krebs gleichgesetzt mit Todesurteil.

Im St.Anna haben sie dann den Verdacht auf Leukämie entkräftet, aber ich wusste nicht soll ich mich nun freuen oder soll ich mich fürchten, dass es schlimmer kommen könnte und es kam schlimmer.

Im Krankenhaus kamen mir immer Gedanken für die ich mich hasste, ich wollte nicht so denken und doch kamen sie immer wieder. Sie kamen aber nur tagsüber, schlafen konnte ich immer und ich träumte auch die ganze Zeit über nichts.

Ich sah mich öfters mit vielen Leuten am Friedhof stehen vor Marias Grab und mir wurde schlecht und meine einzige Sorge war, wohin ich mich jetzt übergeben soll.

Dann dachte ich mir wieder, was ich mit ihrem Zimmer machen soll, wenn sie mal tot ist. Soll ich es für ihren Bruder als Wohnzimmer herrichten?

Dann lagen wir gemeinsam im Bett, schauten fern und ich streichelte ihre Hand und plötzlich dachte ich mir, wie sich ihre Hand wohl anfühlt wenn sie nicht mehr durchblutet ist.

Es hört sich vielleicht so an, als hätte ich gewusst, dass Maria es nicht schafft, aber ich wollte nicht so denken und ich habe die Hoffnung nie aufgegeben, ich war eigentlich zu 100 Prozent davon überzeugt, dass sie diese Krankheit überleben wird. Maria hat ja niemanden je etwas getan, sie war immer brav, hilfsbereit und freundlich, warum sollte man uns so bestrafen.

Es ist schlimm wenn man als Eltern nur zusehen und nicht wirklich helfen kann, unsere kleine Tochter musste soviel erleiden, und wir konnten ihr nichts abnehmen, obwohl wir es so gerne getan hätten. Die vielen Pulver, den Hörverlust, den Haarverlust, den Gewichtsverlust, die ständige Müdigkeit, das eingeschlossen sein, die Appetitlosigkeit, die Fressattacken, die Übelkeit, die Kotzerei, das Halsweh, die vielen Bauchschmerzen usw.

Nach der zweiten Operation wusste ich schon, dass Maria gestorben ist bevor das Telefon läutete, ich hatte es im Gefühl. Als es uns die Ärzte dann sagten, dachte ich mir nun können wir endlich nach Hause fahren, Maria hat es hinter sich gebracht, sie muss nun die Tabletten die sie so sehr hasste, nicht mehr schlucken und kann jetzt endlich machen was sie will. Ich war irgendwie erleichtert, dass wir in kein Krankenhaus mehr fahren müssen. Die Ernüchterung kam dann später, als mir klar wurde, dass Maria nicht mehr bei uns ist. Ich würde mein ganzes Leben in einem Krankenhaus verbringen, wenn ich nur Maria wieder bei mir hätte.

 

 

Stand: 10.02.2009